Golferarm vs. Tennisarm: Unterschied, Selbsttest und Behandlung
Du hebst die Einkaufstüte vom Kassenband — und ein stechender Schmerz zieht durch den Ellenbogen bis in den Unterarm. Beim Händeschütteln zuckst du zusammen, das Öffnen des Marmeladenglases wird zur Mutprobe, und selbst die Kaffeetasse fühlt sich plötzlich schwer an. Ellenbogenschmerzen gehören zu den häufigsten Sehnenbeschwerden überhaupt — und fast immer steckt eine von zwei Diagnosen dahinter: Tennisarm oder Golferarm.
Die gute Nachricht: Du brauchst weder Tennisschläger noch Golfschläger, um herauszufinden, welche der beiden dich erwischt hat. Eine einzige Frage klärt fast alles: Wo genau tut es weh — außen oder innen? In diesem Guide bekommst du den Selbsttest für zu Hause, die echten Ursachen und einen Behandlungsplan, der auf aktueller Evidenz basiert.
Was ist was? Golferarm und Tennisarm einfach erklärt
Beide Beschwerdebilder sind sogenannte Epicondylopathien — Reizungen der Sehnenansätze am Ellenbogen. Der Unterschied liegt in der Seite:
- Tennisarm (Epicondylitis humeri radialis): Schmerz am äußeren Ellenbogen. Betroffen sind die Sehnenansätze der Unterarm-Streckmuskeln — also der Muskeln, die Handgelenk und Finger strecken.
- Golferarm (Epicondylitis humeri ulnaris): Schmerz am inneren Ellenbogen. Hier sind die Sehnenansätze der Unterarm-Beugemuskeln gereizt — der Muskeln, die die Hand beugen und zugreifen lassen.
Der Tennisarm ist deutlich häufiger — er kommt etwa fünf- bis zehnmal öfter vor als der Golferarm. Beide haben mit dem namensgebenden Sport meist wenig zu tun: Die allermeisten Betroffenen haben nie einen Schläger in der Hand gehabt. Typischer sind Bildschirmarbeit, handwerkliche Tätigkeit, Krafttraining oder wiederholte Greifbewegungen im Alltag.
Wichtig zu wissen: Trotz der Endung „-itis" ist in den meisten Fällen keine klassische Entzündung im Gewebe nachweisbar. Es handelt sich um eine Überlastungsreaktion der Sehne mit kleinen strukturellen Veränderungen — das erklärt, warum reine Ruhigstellung selten dauerhaft hilft und gezielte Übungen so wichtig sind.
Der Selbsttest: Innen oder außen?
Mit diesen drei einfachen Tests kannst du zu Hause eine erste Einschätzung treffen. Sie ersetzen keine ärztliche Diagnose, geben aber eine klare Richtung vor.
Test 1: Der Druckpunkt-Test
Taste mit dem Daumen die beiden Knochenvorsprünge an deinem Ellenbogen ab. Schmerzt der äußere Vorsprung (bei hängendem Arm auf der Daumenseite abgewandten Außenseite) deutlich auf Druck, spricht das für einen Tennisarm. Schmerzt der innere Vorsprung (Richtung Körper), deutet das auf einen Golferarm hin.
Test 2: Der Strecktest (Tennisarm)
Strecke den Arm nach vorne aus, balle eine lockere Faust und ziehe das Handgelenk nach oben — während deine andere Hand von oben dagegen drückt. Löst dieser Widerstand einen Schmerz am äußeren Ellenbogen aus, ist ein Tennisarm wahrscheinlich. Ärzt:innen kennen diesen Test als Cozen-Test.
Test 3: Der Beugetest (Golferarm)
Gleiche Ausgangsposition, aber umgekehrt: Handfläche zeigt nach oben, du beugst das Handgelenk gegen den Widerstand deiner anderen Hand zu dir heran. Schmerzt dabei der innere Ellenbogen, spricht das für einen Golferarm. Typisch ist auch Schmerz beim kraftvollen Faustschluss — etwa beim Tragen einer schweren Tasche.
Die echten Ursachen — warum es fast nie der Sport ist
Beide Beschwerdebilder entstehen durch wiederholte, monotone Belastung der Unterarmmuskulatur. Die häufigsten Auslöser:
- Bildschirmarbeit mit Maus und Tastatur — stundenlange Streckhaltung des Handgelenks ist der Klassiker für den Tennisarm. Falls zusätzlich die Finger kribbeln, lies auch unseren Guide zum Karpaltunnelsyndrom.
- Handwerk und Hausarbeit — Schrauben, Streichen, Schneiden, Wringen: alles Greif- und Drehbewegungen unter Last.
- Krafttraining — vor allem Klimmzüge, Curls und Unterarmarbeit mit zu schneller Steigerung; ein häufiger Auslöser des Golferarms.
- Schläger- und Wurfsportarten — ja, auch: Tennis, Golf, Klettern, Handball. Meist bei Technikfehlern oder plötzlicher Belastungssteigerung.
- Ungewohnte Einmalbelastung — der Umzugstag, das Wochenende Gartenarbeit, das neue Hobby.
Der gemeinsame Nenner: Die Sehne wird über Wochen stärker belastet, als sie sich anpassen kann. Risikofaktoren wie Rauchen, Diabetes und Alter zwischen 35 und 55 erhöhen die Anfälligkeit zusätzlich.
Sofort-Hilfe: Was du in der akuten Phase tun kannst
Wenn der Ellenbogen frisch gereizt ist und schon leichte Belastung schmerzt, gilt für Golferarm wie Tennisarm dasselbe Vorgehen:
- Belastung anpassen — nicht komplett stilllegen. Vermeide die auslösende Bewegung für einige Tage, aber halte den Arm im schmerzfreien Bereich in Bewegung. Komplette Ruhigstellung schwächt die Sehne zusätzlich.
- Kühlen bei akuter Reizung. 10 bis 15 Minuten Kälte lindern den Schmerz und dämpfen die Reizung — mehrmals täglich, immer mit Stoff zwischen Kühlelement und Haut. Wann Kälte und wann Wärme sinnvoll ist, erklärt unser Kalt-oder-Warm-Guide im Detail.
- Arbeitsplatz und Technik prüfen. Maus-Position, Griffstärke, Trainingsgewichte — wer den Auslöser nicht entschärft, bekommt den Schmerz zurück.
- Wärme im chronischen Stadium. Bestehen die Beschwerden länger als sechs Wochen, hilft Wärme oft besser: Sie fördert die Durchblutung der schlecht versorgten Sehnenansätze und lockert die verspannte Unterarmmuskulatur.
Der Behandlungsplan: Übungen, die nachweislich wirken
Die Forschung ist hier eindeutig: Exzentrisches Training — also das langsame, bremsende Absenken gegen Widerstand — ist die wirksamste konservative Behandlung bei beiden Beschwerdebildern. So sieht der Plan aus:
Woche 1–2: Reizung beruhigen
Auslösende Belastung reduzieren, kühlen nach Belastung, sanfte Dehnung: Beim Tennisarm den gestreckten Arm ausstrecken und die Hand mit der Gegenhand nach unten ziehen (Dehnung der Streckseite). Beim Golferarm die Handfläche nach oben drehen und das Handgelenk nach unten strecken (Dehnung der Beugeseite). Jeweils 3 × 30 Sekunden, mehrmals täglich.
Woche 3–6: Exzentrisch aufbauen
Nimm eine kleine Hantel oder eine gefüllte Wasserflasche (0,5–1 kg). Beim Tennisarm: Unterarm auf den Tisch legen, Handfläche nach unten, Handgelenk langsam über 3–5 Sekunden absenken, mit der anderen Hand zurückhelfen. Beim Golferarm: dieselbe Übung mit der Handfläche nach oben. 3 × 15 Wiederholungen, täglich. Ein leichtes Ziehen ist okay — stechender Schmerz nicht.
Ab Woche 6: Zurück zur Belastung
Steigere die Gewichte langsam und kehre schrittweise zu Sport und Alltag zurück. Sehnen passen sich langsam an — Geduld ist hier keine Floskel, sondern Therapieprinzip. Rechne mit insgesamt drei bis sechs Monaten bis zur vollen Belastbarkeit.
Wann solltest du zum Arzt?
Die meisten Fälle heilen konservativ aus. Ärztlich abklären lassen solltest du deine Beschwerden aber, wenn:
- die Schmerzen nach 6 bis 8 Wochen konsequenter Selbstbehandlung nicht besser werden,
- Kribbeln oder Taubheit in Ringfinger und kleinem Finger dazukommen — beim Golferarm kann der benachbarte Ellennerv mitgereizt sein,
- der Ellenbogen geschwollen, gerötet oder überwärmt ist,
- der Schmerz nach einem Sturz oder Unfall aufgetreten ist,
- du nachts vor Schmerzen aufwachst oder deutliche Kraftlosigkeit in der Hand bemerkst.
FAQ — die häufigsten Fragen zu Golferarm und Tennisarm
Kann ich gleichzeitig Golferarm und Tennisarm haben?
Ja, das kommt vor — vor allem bei starker beruflicher Belastung des Unterarms. Meist dominiert aber eine Seite. Behandelt werden beide nach demselben Prinzip: Belastung anpassen, dehnen, exzentrisch kräftigen.
Wie lange dauert ein Golferarm?
Länger, als den meisten lieb ist: Unbehandelt oft 6 bis 12 Monate, mit konsequentem Übungsprogramm meist deutlich kürzer. Über 80 Prozent der Fälle heilen ohne Operation aus.
Soll ich kühlen oder wärmen?
Faustregel: Akut und gereizt → Kälte. Chronisch und verspannt → Wärme. In den ersten Tagen und nach Belastung lindert Kälte den Schmerz; bei länger bestehenden Beschwerden fördert Wärme die Durchblutung der Sehnenansätze und entspannt die Muskulatur.
Hilft eine Bandage oder Spange?
Eine Epicondylitis-Spange kann die Sehnenansätze bei Belastung entlasten und wird oft als angenehm empfunden. Sie ersetzt aber nicht das Übungsprogramm — sie verschafft nur Zeit, in der die Sehne weniger gereizt wird.
Sind Kortisonspritzen sinnvoll?
Kurzfristig lindern sie den Schmerz, Studien zeigen aber langfristig schlechtere Heilungsverläufe und höhere Rückfallraten als Übungstherapie. Die meisten Leitlinien empfehlen sie daher nicht mehr als Standardtherapie. Besprich das im Zweifel mit deinen Ärzt:innen.
Darf ich mit Golferarm oder Tennisarm weiter trainieren?
Ja — im schmerzarmen Bereich sogar ausdrücklich erwünscht. Meide nur die stark auslösenden Bewegungen (z. B. Klimmzüge, harte Vorhand) und steigere die Last schrittweise. Bewegung ist Teil der Therapie, nicht ihr Feind.
Was passiert, wenn ich einfach nichts tue?
Viele Fälle heilen auch spontan — aber langsamer, mit höherem Chronifizierungsrisiko. Aus einer Reizung von Wochen können Beschwerden über ein Jahr werden. Die Kombination aus Belastungsmanagement und Übungen verkürzt den Verlauf messbar.
Fazit: Erst die Seite, dann der Plan
Ob Golferarm oder Tennisarm entscheidet sich an einer simplen Frage: innen oder außen? Danach ist der Weg fast identisch — auslösende Belastung entschärfen, akut kühlen, chronisch wärmen, und vor allem: die Sehne mit exzentrischen Übungen wieder belastbar machen. Wer dranbleibt, hat sehr gute Chancen, ganz ohne Spritze oder OP wieder schmerzfrei zuzupacken.
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Weiterlesen im Ratgeber
- Kalt oder Warm? Wann hilft welche Therapie
- Tennisarm: 5 Tipps und der Recovery-Plan
- Karpaltunnelsyndrom: Was bei Kribbeln und Taubheit wirklich hilft
Wichtiger Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden, starken oder von Taubheit begleiteten Ellenbogenschmerzen bitte zeitnah ärztlich abklären lassen.